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Rückblick auf den 2. Weihnachtsfeiertag 1999: Sturm Lothar fegte über den Südwesten und hinterließ Spur der Verwüstung

„In Frankreich richtete ein Sturm schwere Schäden an“,

 

mit diesen dürren Worten wiesen die Sender im vormittäglichen Radioprogramm am 2. Weihnachtsfeiertag 1999 auf die drohende Sturmgefahr aus dem Westen hin. Kurz vor der Mittagszeit häuften sich dann in der gemeinsamen Feuerwehrleitstelle für Pforzheim und den Enzkreis an der Habermehlstraße die Schreckensmeldungen.

 

Sturm Lothar entwurzelte auch im Pforzheimer Wildpark zahlreiche Bäume. Ein Hirsch wurde von einem umstürzenden Baum erschlagen. (Stadtarchiv Pforzheim, Sig. Nr. S 1-12-6-V 1-2 Foto: Wacker)

Schwere Schäden in unserer waldreichen Region

Zahlreiche Menschen blieben mit ihren Autos auf den waldreichen Strecken rund um Pforzheim einfach stecken. Es ging nicht mehr vor oder zurück, umgestürzte Bäume blockierten die Straßen. Teilweise zu Fuß kämpften sich Notärzte, Rettungs- und Feuerwehrkräfte zu den Eingeschlossenen und brachten sie in Sicherheit. Auf der Würmtalstraße waren 15 Menschen eingeschlossen und mussten durch die Feuerwehr gerettet werden. Durch umstürzende Bäume war auch ein Fahrzeug der Bergwacht Schwarzwald zeitweise eingeschlossen. Auf der Autobahn A 8 in Fahrtrichtung Stuttgart, zwischen den Anschlussstellen Pforzheim-Ost und Heimsheim bot sich ein ähnlich schreckliches Bild. Ein großer Nadelbaum wurde durch den Sturm abgeknickt und auf ein Fahrzeug geweht. Für die beiden Insassen kam jede Hilfe zu spät. Um weitere Personenschäden abzuwenden, brachten Einsatzkräfte von Feuerwehr und dem zwischenzeitlich ebenfalls alarmierten THW Pforzheim zahlreiche Menschen aus ihren Fahrzeugen in Sicherheit. Mit Motorsägen und dem THW-Radlader bahnten sich die Helferinnen und Helfer einen Weg durch die übereinander liegenden Baumstämme.

Strom, Telefon und Wasser ausgefallen

Im Pforzheimer Stadtgebiet fielen entwurzelte Bäume auf Hausdächer. Der Pforzheimer Friedhof musste aus Sicherheitsgründen für den Besucherverkehr gesperrt werden. Im Wildpark wurde ein Hirsch von einem umstürzenden Baum erschlagen. Die umstürzenden Bäume hatten Folgen für die Energieversorgung. Zahlreiche Freileitungen der Stromversorgung waren beschädigt und sorgten für Strom- und Telefonausfälle. Damit rechneten die Sicherheitsbehörden erst zum Jahreswechsel 1999/2000. Experten befürchteten Stromausfälle, wenn die Jahreszahl in den Computerbauteilen von 99 auf 00 wechseln würde. In Schellbronn hat der frühzeitige Stromausfall wegen umgestürzter Bäume auch Auswirkungen auf die Wasserversorgung. Ohne Strom liefen die Pumpen nicht und der Wasserbehälter blieb leer. Neben der Trinkwasserversorgung ist dabei auch die Löschwasserversorgung auch vom Nachbarort Hohenwart betroffen. Ebenfalls stromlos war auch ein Altenpflegeheim. Das angeforderte THW Niefern-Öschelbronn konnte hier mit einer leistungsfähigen Netzersatzanlage wertvolle Hilfe leisten, die elektrische Pumpe des Wasserbehälters in Betrieb nehmen und so den Behälter wieder mit Wasser füllen. Auch dem Pflegeheim konnte geholfen werden.

Führungsstab tagte in der Hauptfeuerwache

Die Feuerwehrleitstelle erreichten Hunderte von Hilferufen. Auf den waldreichen Strecken kamen viele Autofahrer nicht mehr aus der Stadt heraus. Ein Hotelbetrieb wand sich an die Feuerwehr, um die bestehende Bettenkapazität mit Feldbetten und Decken zu erweitern, um weiteren Gästen ein sicheres Dach über dem Kopf zu bieten. Feuerwehr und DRK lieferten Feldbetten und Decken an, die dann in Konferenzsälen aufgestellt wurden. Ein Betretungsverbot für die Wälder wurde erlassen. Um zu verhindern, dass fehlgeleitete Silvesterraketen in den offenen Dächern Brände auslösen können, wurde in vielen Gemeindeteilen ein Abschussverbot für Feuerwerk verhängt. Um die vielfältigen Maßnahmen zu koordinieren, tagte ab dem Nachmittag des 2. Weihnachtsfeiertages ein Führungsstab unter Leitung des Feuerwehrkommandanten und des Ersten Bürgermeisters. Die Polizei entsandte einen Verbindungsbeamten, THW und DRK schickten Fachberater in die Hauptfeuerwache.

110 Tote während Aufräumarbeiten in den Wäldern

Am schlimmsten wütete Lothar jedoch in den Wäldern. Der Hagenschießwald wurde dabei fast vollständig vernichtet. Innerhalb weniger Minuten fiel Sturm Lothar dreimal so viel Holz zum Opfer, wie sonst in drei Jahren geplant gefällt wird. Ein Desaster für die Holzwirtschaft. Auch nach dem  Sturm fordert Lothar viele Opfer: in Europa starben bei den gefährlichen Aufräumarbeiten in den Wäldern insgesamt 110 Menschen.

OB lud zum Essen ein

Für die rund 1000 eingesetzten haupt- und ehrenamtlichen Sturmhelferinnen und Katastrophenhelfer organisierte die Stadt Pforzheim im Vorfeld der Pforzheimer Mess´ mit ihren Angehörigen ein nachträgliches Weihnachtsessen. Dr. Joachim Becker, damals Oberbürgermeister, lobte die Helferinnen und Helfer von Feuerwehr, DRK, THW, Bergwacht und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von städtischem und staatlichem Forst, die Kolleginnen und Kollegen des Amts für Stadtentsorgung, des Technischen Dienstes, der Bauhöfe der Ortsverwaltungen, dem städtischen Grünflächen- und Tiefbauamt, der Stadtwerke, der Friedhofsverwaltung und der Polizei für ihren selbstlosen Einsatz, der oft ohne Rücksicht auf den Feiertag und die Arbeitszeit die ganze Nacht durch bis zum nächsten Morgen andauerte. Dabei wurden die Angehörigen von Helferinnen und Helfern beim Sturm allein zuhause zurückgelassen, um in den Einsatz zu gehen. Dieser erfolgte vielfach auch unter Gefährdung der eigenen Gesundheit, um andere Menschen vor Schlimmerem zu bewahren, so der Oberbürgermeister. Dass dies auch in der Bevölkerung so wahrgenommen wurde, bewies ein Leserbriefschreiber, der die Helferinnen und Helfer als die wahren Helden 1999 bezeichnete.

Beeindruckende Wetterdaten

In seiner Dankesrede wies OB Dr. Joachim Becker auch auf die Wucht von Sturm Lothar hin und belegte dies mit beeindruckenden Zahlen. Im Flachland in Karlsruhe tobte Lothar mit starken 151 Kilometer pro Stunde. Auf dem Feldberg im Südschwarzwald blieb das Windgeschwindigkeits-messgerät bei 212 Km/h stehen, bevor es kaputt ging. Auf dem bayerischen Wendelstein zeichnete ein Messgerät die unglaubliche Windgeschwindigkeit von 259 km/h auf. In Karlsruhe auch ein ungewöhnlicher Luftdruckabfall aufgezeichnet. Innerhalb weniger Stunden fiel an der Messstation der Luftdruck von 1005 auf 975 Hektopascal. Dies war der stärkste beobachtete Luftdruckabfall in dieser Region seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Heute wird klar, eindeutig und schnell gewarnt

Seit Sturm Lothar vor 20 Jahren hat sich das Warnmanagement der Wetterdienste stark verbessert. Heute warnen die Dienste klar, eindeutig und unmissverständlich vor Unwettergefahren. Über die Warnapp NINA erreicht jede Unwetterwarnung schnell jedes Smartphone, vorausgesetzt die Bürgerinnen und Bürger haben sich die App heruntergeladen.

Eines zeigte Sturm Lothar den Menschen an Weihnachten auch klar und eindeutig. Nämlich wie gewaltig die Natur sein kann und wie verletzlich der Mensch doch ist.